„Lange Nacht der Demokratie“ – Heimat verlassen! Heimat gefunden?
Zur „Langen Nacht der Demokratie" luden am 24. September erneut Volkshochschulen in ganz Rheinland-Pfalz dazu ein, miteinander statt übereinander zu reden. Christian Hofeditz und Simone Kirst, die Leitungen der Kreisvolkshochschulen Ahrweiler und Neuwied hießen somit rund 70 Gäste willkommen, die nach einer Führung durch das Friedensmuseum in der Rheinhalle Remagen zusammenkamen, um darüber zu sprechen, was es heißt, eine Heimat zu verlassen und eine neue zu finden. Volker Thehos, aus dem Vorstand des Friedensmuseums, führte durch den Abend.
Der Erste Kreisbeigeordnete Horst Gieß hob in seiner Rede hervor, dass Demokratie von Beteiligung, Diskussion und konkretem Engagement lebe. Die Herausforderungen der letzten Jahre, die Folgen des Klimawandels, Krieg und der erstarkende Extremismus führten vor Augen, wie wichtig es ist, dass sich Menschen gemeinsam für demokratische Werte einsetzen und diese verteidigen.
„Demokratiebildung ist eine Kernaufgabe der Volkshochschulen", betonte Frank Becker, der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Linz. Die Verteidigung unserer Freiheit und der erkämpften Rechte, die wir in Deutschland genießen, sei unsere gemeinsame Verantwortung. Das Grundgesetz bilde dafür die Leitplanke unserer Diskussionen, eine Demokratie leben von bei Meinungsvielfalt, jedoch müsse bei Übergriffen auf die Menschenwürde klar widersprochen werden.
Im Anschluss teilten die sieben Einwander*innen ihre unterschiedlichen Geschichten mit dem Publikum und führten die Beweggründe auf, aus denen sie ihre Heimat verlassen hatten. Manche führte die Liebe nach Deutschland, andere flüchteten vor dem Krieg, und obwohl der Weg hierher so verschieden war, herrschte Einigkeit darüber, dass sie in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben.
Dass Sprache eine wichtige Rolle dabei spielt, sich einbringen und einen neuen Lebensmittelpunkt aufbauen zu können, wurde immer wieder hervorgehoben. Ebenso betont wurde, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Eine Willkommenskultur, die Geduld mit anfänglichen Sprachbarrieren hat, Akzeptanz und Chancen schafft und Ausgrenzung verhindert, sei die Grundlage dafür, dass Integration gelingen könne. Ivan Midgley, der wegen der Liebe von England nach Deutschland zog, merkte an, dass das Wort „Ausländer" exklusiv sei und einer echten Begegnung im Weg stehe.
Anna Gounas, Integrationsdozentin an der Kreisvolkshochschule Ahrweiler, beschrieb die sprachlichen Schwierigkeiten, die sie trotz ihres Deutschstudiums in der ehemaligen UdSSR hatte, als sie 1992 im Rahmen der Familienzusammenführung ihrem Mann, der hier arbeitete, nach Deutschland folgte. Das Beamtendeutsch in Anträgen und Formularen stellte sie vor eine große Herausforderung, sodass ihr Deutschwörterbuch in dieser Zeit zu einem stetigen Begleiter wurde. Mittlerweile könne sie sich aber ein Leben außerhalb von Deutschland gar nicht mehr vorstellen.
Auch Gisèle Hillen, die ihren Ehemann auf einer Wallfahrt in Chartres kennenlernte und mit ihm nach Deutschland zog, beteuerte, dass Sprache Barrieren einreiße. So war es ihr ein großes Anliegen, auch die gemeinsamen Kinder zweisprachig zu erziehen.
Wie wichtig es ist, Chancen zu schaffen, zeigte die Geschichte von Imad Mardo, er war 2013 aus Syrien nach Deutschland gekommen und berichtete nun begeistert von seinem Praktikum bei der Gemeindeverwaltung in der Grafschaft an dessen Ende er kein Praktikumszeugnis, sondern einen Arbeitsvertrag erhielt.
Auf die Frage, was er an Deutschland mag, antwortete der Jurist Monem Albatran ganz unironisch: die Bürokratie. Alles gehe seine korrekten Wege, und in seiner Stelle in der Stadtverwaltung Neuwied habe er noch nie einen Korruptionsfall erlebt. Im Vergleich zu seiner Heimat Syrien, die er wegen des Krieges 2015 verließ, sei das eine Errungenschaft, die er sehr zu schätzen wisse.
Auch Mohi Aldeen Zein floh vor dem Kriegsdienst, den er in Syrien hätte leisten müssen, und sprühte vor positiver Energie über sein Leben in Deutschland. Sorgen bereiteten ihm jedoch die politischen Herausforderungen und die Bedrohungen für die Demokratie. Von den Medien wünsche er sich mehr positive Berichterstattung und die Erkenntnis, dass sie oft Narrative bedienten, die es Minderheiten erschwerten, in der Gesellschaft anzukommen. Mit einem Lächeln fügte er hinzu, dass ihm die Mülltrennung der Deutschen auch Spaß machte.
Songül Erdem vom Merida e.V. in Sinzig meldete sich aus dem Publikum zu Wort und erinnerte an die Gastarbeitergeneration, die in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit erfuhr, obwohl sie in großen Teilen zum Wiederaufbau Deutschlands beitrug und ihr Leben in Deutschland unter schwierigen Bedingungen, ohne Sprachkurse und ohne Integrationshilfen aufbauen mussten.
Die Schülerin Judi Rashid, die 2017 vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland floh, trug ihren Poetry-Slam-Beitrag vor. Darin schilderte sie eindrucksvoll, dass Heimat nicht nur ein Stück Erde sei und dass Pässe dieses komplexe Konzept nicht fassen könnten. „Heimat ist dort, wo ich sicher bin", sagte sie und erhielt applaudierende Zustimmung aus dem Publikum.
So wurde die „Lange Nacht der Demokratie" zu einem Abend der Wertschätzung, für die Vielfalt unserer Gemeinschaft und für all jene, die sich tagtäglich für sie einsetzen.
